Büchertipps

Hier finden Sie einige unserer aktuellen Lieblingstitel, die wir Ihnen gerne empfehlen möchten:

Rezensionen Frühjahr 2026

Kringel will Meer

Kringel will Meer

Henrike Wilson

Gerstenberg Verlag. 16,00 Euro. Ab 4 Jahren.                                                                      

„Kringel will Meer“ ist ein richtig schönes Bilderbuch über einen großen Wunsch:
Das kleine Schwein Kringel möchte unbedingt das Meer sehen, nachdem eine Lachmöwe davon erzählte. Also macht es sich- trotz Zweifel und Gegenwind - einfach auf den Weg.

Die Geschichte ist ruhig erzählt, aber genau das macht ihren Reiz aus. Man spürt Kringels Sehnsucht und fiebert mit ihm mit.
Besonders schön sind die Illustrationen: farbenfroh, warm und oft erstaunlich weit. Man spürt förmlich, wie groß die Welt für so ein kleines Schwein ist.
Das Buch eignet sich perfekt zum Vorlesen und gemeinsamen Anschauen und bietet gleichzeitig einen schönen Anlass, mit Kindern über Wünsche, Mut und das „Sichtrauen“ zu sprechen.

Rezension: Daniela Hötzel

Agathe

Agathe. Papas Schildkröte und ich

Antje Damm

Moritz Verlag, 18,00 €, ab 6 Jahren                                                                    

In ihrem neuen Kinderbuch „Agathe“ erzählt Antje Damm die Geschichte von Agathe, einer griechischen Landschildkröte, die seit 80 Jahren in unterschiedlichen Generationen ihrer Familie lebt und die sie dazu inspiriert hat, ihr erstes Bilderbuch zu illustrieren und zu schreiben.

Als Antjes Damms Vater noch ein kleiner Junge ist, wünscht er sich sehnlich ein Haustier, doch seine Mutter ist strikt dagegen. Sein Wunsch ist so groß, dass er beschließt, seinem Glück etwas nachzuhelfen und für 5 Mark eine Schildkröte zu kaufen, um sie seiner Mutter zum Geburtstag zu schenken. Agathe darf bleiben und wird von ihrem Vater liebevoll im Garten gepflegt. Als Antjes Vater und auszieht und ihre Mutter kennenlernt, nimmt er Agathe mit in eine kleine Stadtwohnung. Dort darf sie auf dem Balkon herumlaufen und freundet sich mit einer verletzten Taube an. Antje Damm wächst mit Agathe auf und später zieht die Familie in ein Haus auf dem Land mit Garten. Hier erlebt Agathe viele Abenteuer. Sie büchst aus, sie fährt mit in den Urlaub, sie bekommt ein kleines Schwimmbad und ein Häuschen im Garten. Später zieht sie in Antjes Familie um und auch ihre Kinder wachsen mit Agathe auf und erfreuen sich an ihr. Ihre Winter verbringt sie im Kühlschrank.

Antje Damm erzählt und illustriert in dieser sehr berührenden Geschichte nicht nur die Geschichte einer Schildkröte, sondern auch Episoden ihrer Familiengeschichte. Text und Illustration werden zu einem Gesamtkunstwerk. Einige Seiten erinnern mit den echten Fotos, die dort zu sehen sind, an ein Familienalbum, auf anderen Seiten sehen wir großflächige Illustrationen wie in einem Bilderbuch und wieder andere zeigen Illustrationen mit Sprechblasen wie in einem Comic. Wir erfahren als Leser*innen von den Kindheitserlebnissen ihres Vaters mit Agathe, aber auch von Antje Damms eigenen Kindheitsabenteuern mit der Schildkröte, die Antjes Familie und ihren künstlerischen Weg geprägt hat. Es wird aber auch einiges an Sachwissen über Schildkröten vermittelt. Dieses Buch ist ein gekonnter Genremix aus Kinderbuch, Familiengeschichte, Sachbuch und Comic und es ist ein kleiner Schatz. Mit der Lektüre dieses besonderen und unbedingt lesenswerten Buches kommen nicht nur große und kleine Tierfreunde auf ihre Kosten, sondern auch Liebhaber*innen für besondere Illustration.

Rezension: Grischa Suse Götz

Marie Woche ohne Donnerstag

Marie und die Woche ohne Donnerstag

Elke Michel mit Illustrationen von Jutta Wetzel

Beltz und Gelberg Verlag, 14,00 €, ab 7 Jahren                                                                    

Die Bäume wispern Sommerwindlieder, am Mittwoch gibt es Maries Lieblingsessen und am
Freitag geht es ab auf den Rummel! Eine perfekte Sommerferienwoche, wenn da nicht der
Zahnarztbesuch am Donnerstag wäre…
Zum Glück hat Marie auf dem Wochenmarkt ein magisches Geschenk bekommen:
Wochentag-T-Shirts, die in Zeitreisemagie getunkt worden sind. Mit ihnen kann sie von
einem Tag in den nächsten springen und nur ihre allerliebsten Dinge erleben und den
Zahnarzt getrost auslassen - das Donnerstag T-Shirt verschwindet also in der hintersten
Schublade. Doch auch die Schnitzellaune und der leckerste Schoko-Kirsch Kuchen verlieren
irgendwann ihren Reiz, wie ein Kaugummi, der den Geschmack verliert, und Marie merkt,
dass sie in ihrer perfekten Woche feststeck.
Nun muss Marie eine Lösung finden und am Ende lernt sie nicht nur etwas über die Zeit,
sondern auch über Magie und Mut. Eine zauberhafte, die Feriengefühle
versprüht, von leckerem Essen, wildem Spielen und Geschwister-Zankereien erzählt. Es ist
ein kreatives, inspirierendes und kurioses Abenteuer, das trotz des Alltagsbezugs witzig ist.
Perfekt, um ins Gespräch zu kommen über Lieblingsaktivitäten und die spannende Frage:
Wie würde eigentlich dein perfekter Tag aussehen? Für eigenständige Leser*innen ab 7
Jahren oder auch fürs Vorlesen (mit kleinen Geschwistern) geeignet.

Rezension: Marla Schröer

Stine Gans

Stine Gans und ihre unglaubliche Reise

Petra Postert. Illustration: Liliane Oser                                      

Beltz & Gelberg Verlag. 15,00 Euro. Ab 6 Jahren.                                                                      

Stine Gans lebt mit anderen Gänsen an einem kleinen See zwischen Feldern und Wiesen. Als es Herbst wird, sind die Gänse plötzlich in Aufbruchsstimmung und machen sich bereit für den weiten Flug in den Süden. Stine ist noch jung und sie hat Angst vor so einer langen Reise. Außerdem hat ihr Freund Hieronymus ihr erzählt, dass der Winter hier auch sehr gemütlich sei. Als es jedoch richtig kalt wird und Hamster Hieronymus Winterschlaf in seinem Bau hält, merkt Stine, dass es nicht die beste Entscheidung war, hier zu bleiben. Kurzerhand steigt sie am nächsten Bahnhof in einen Zug Richtung Süden. Unterwegs lernt sie in der Stadt den Gänserich Jo kennen, der einen verletzten Flügel hat. Auf ihrer langen Reise erleben sie gemeinsam ein großes Abenteuer.

Diese Geschichte erzählt von zwei mutigen jungen Gänsen, zwei Außenseitern, die über sich selbst hinauswachsen und ihre eigenen Ängste und Einschränkungen überwinden. Es ist nicht nur die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft, sondern auch eine Geschichte über Zusammenhalt und Mut. Sie zeigt uns, dass das Leben vielfältig ist und unterschiedliche Wege und Lebensentwürfe zum eigenen Glück führen können.

Beim Lesen dieser abenteuerlichen Geschichte erfahren wir als Leser*innen auch einiges über Gänse und andere Zugvögel. Wir fliegen mit auf eine lange und teilweise beschwerliche Reise, erfahren etwas über ihre Reiserouten und Rastplätze, ihre Futtersuche und darüber, welche unglaubliche Leistung Vögel bei ihrem Flug in den Süden erbringen.

Diese Vorlesegeschichte ab 6 Jahren eignet sich nicht nur für kleine und große Vogelfans, sondern für alle, die gerne abenteuerliche Geschichten mögen.

Rezension: Grischa Suse Götz

Geniales Innenleben

Geniales Innenleben                                                                So funktionieren Drucker, Toaster & Co.

Peter Hinckley, mit Illustrationen von Olga Zakharova                                                            Knesebeck Verlag, 18,00 €, ab 8 Jahren                                         

Am Wochenende mal wieder kurz einen Ball geschnappt und draußen auf der Wiese ein bisschen abseits von den Ameisenhügeln gespielt. Danach wird zur Erfrischung noch eine Kugel Eis geholt, bevor es wieder nach Hause geht. Nachdem die Tür aufgeschlossen wurde, kann erst mal der Schmutz in der Dusche abgewaschen werden. Dass davor ein bisschen was im Flur landet, ist auch nicht schlimm, weil mit dem Staubsauger ja alles super einfach wieder weg geht.

Es existieren viele Sachen, die wie selbstverständlich einfach da sind und funktionieren. Aber wissen wir eigentlich was dahintersteckt?

Im Buch Geniales Innenleben werden technische Alltagsgeräte, Essen und Spiele, aber auch die Nester von tierischen Freunden genau unter die Lupe genommen und gezeigt, dass hinter ganz normalen Dingen oft erstaunlich viel Technik steckt.

Peter Hinckley erklärt in diesem Sachbuch, was hinter den scheinbar einfachen Abläufen steckt. Dabei geht es nicht nur um klassische Haushaltsgeräte, sondern auch um viele Dinge, die uns täglich begegnen, ohne dass wir groß darüber nachdenken.

Mit der ausgewogenen Mischung aus Schlagworten und ausführlichen Erklärungen ist das Buch sowohl für das Aufsaugen von Informationen als auch zum entspannten Durchblättern perfekt.

Unterstütz wird der Text dabei von den schönen und farbenfrohen Illustrationen von Olga Zakharova. Ihre klaren, detailreichen Abbildungen helfen die unsichtbaren Vorgänge einfach zu verstehen.

Und wer hat denn nicht Lust den Profis am Billardtisch mal zu erklären, woraus eine Kugel besteht und wie der Tisch aufgebaut ist?

Die gelungene Mischung aus Alltagswissen, Technik und anschaulichen Erklärungen macht das Buch perfekt für neugierige Leser*innen ab etwa 8 Jahren und regt es an, sich öfter mal die Frage zu stellen: „Wie funktioniert das eigentlich genau?“

Rezension: Marie Günther

Red as royal blood

The Factory                                                                                 Es gibt kein Entkommen

Catherine Egan, aus dem Englischen von Leo H. Strohm                                                                 Fischer Sauerländer Verlag, 16,90 €, ab 12 Jahren                                                           

Der Klimawandel ist weit fortgeschritten, und Krisen regieren die Welt. Raus gehen soll nur, wer eine Schutzmaske trägt. Das ist der Alltag und die Realität, mit der die Menschen leben – so auch der 13-jährige Asher.

Zu zweit mit seiner Großmutter lebt er ein normales und entspanntes Leben. Die sporadischen Besuche seiner jungen Mutter, die für ihn eher wie eine Schwester ist, genießt er grundsätzlich. Und dass sein Vater, ein Senator, ihn als unehelichen Sohn weitestgehend ignoriert und verleugnet, ist Asher nur recht.

Als seine Mutter einem Betrug zum Opfer fällt und den falschen Menschen zu viel Geld schuldet, ändert sich alles.

Ein geheimes Forschungslabor führt Testreihen für ein Experiment durch, das darauf abzielt, unbegrenzt saubere Energie zu erzeugen. Die dafür angeworbenen Jugendlichen erhalten für ihre einjährige Teilnahme nicht nur eine große Geldsumme, sondern auch jede gewünschte Bildung. Nach längerer Überlegung trifft Asher die Entscheidung, in die Factory zu gehen. Dabei ist es ausgerechnet sein Vater, der mit dieser scheinbar perfekten Lösung auftaucht.

Im Nirgendwo, abgeschnitten von der Außenwelt, wird den Jugendlichen in Extraktoren Energie entzogen. Die gute Ausstattung und Verpflegung kommen jedoch mit dem Verlust der Individualität, Schmerzen und verdächtigen Nebenwirkungen, deren genaue Ursache Asher niemand erklären will. Trotz allem entdeckt er in der Factory das Gefühl von Zugehörigkeit, Spaß und Zusammenhalt durch echte Freundschaften. Und was ist besser, um einer Verschwörung auf den Grund zu gehen, als eine unterstützende, verrückte Mischung an Freunden?

In ihrem spannenden Thriller erschafft die Autorin mit einem leichtfüßigen Schreibstil eine greifbare futuristische Welt. Durch viele ausgearbeitete Details werden die Leser*innen in die komplexe Welt von Asher, Vi, Faith und Troy entführt und begleiten die Freunde auf ihrem schweren Weg. Mit viel Bedacht beschreibt Catherine Egan eindringlich, aber zugänglich, wie Jugendliche für Geld im Namen der Wissenschaft instrumentalisiert und missbraucht werden.

Authentisch und vielschichtige Charaktere, Abenteuer und Gesellschaft in einer besonderen, neuartigen Welt.

Ein Blick in unsere Zukunft?

Der zweite Teil der Sci-Fi-Dilogie erscheint voraussichtlich am 29.07.26

Rezension: Marie Günther

Red as royal blood

Red as royal blood

Elizabeth Hart. Aus dem Englischen übersetzt von Franziska Jaekel.                                          Fischer Sauerländer Verlag. 16,90 Euro. Ab 14 Jahren.                                                                      

Der Roman „Red as Royal Blood “ von Elizabeth Hart ist genau das Richtige für alle ab 13/14 Jahren, die Lust auf eine Mischung aus Spannung, Glamour und ein bisschen Herzklopfen haben. Die Autorin verbindet eine royale Geschichte in dem Phantasieland Lumaria mit einem spannenden Mordrätsel.
Ruby lebt eigentlich ein unauffälliges Leben als Dienstmagd, unerwartet stirbt der König und macht sie zur Thronfolgerin. Zunächst kann sich niemand erklären, warum er das getan hat.
Von einem Tag auf den anderen muss sich Ruby in einer Welt zurechtfinden, die von sonderbaren Regeln, Macht und Misstrauen geprägt ist.
Der Tod des Königs kommt ihr schnell seltsam vor und es wird ihr klar, dass sie sich in einem gefährlichen Netz aus Intrigen behaupten muss. Mehrere Personen kommen als Täter in Frage. Darunter auch Prinzen, Berater und andere Mitglieder des Hofes.

Außerdem zieht sich das Thema Schach durch den Roman, denn Ruby spielt schon seit einiger Zeit mit einer unbekannten Person in der Bibliothek eine spannende Partie.
Während sie versucht, herauszufinden, wem sie trauen kann, gerät sie selbst immer mehr in Gefahr.

Die Handlung lebt von diesem Wechsel aus Spurensuche, Verdächtigungen und zwischenmenschlicher Spannung.
Gleichzeitig spielen auch Gefühle eine Rolle, denn zwischen den Figuren entstehen Beziehungen, die alles noch komplizierter machen.
Das Buch liest sich sehr flüssig und bleibt durchgehend spannend.
Die Mischung aus Romantic Suspense und Mörder Mystery mit königlichen Kulisse hat das gewisse Etwas.

Royale Murder Mystery mit Farbschnitt in der ersten Auflage und farbig illustrierten Innenklappen.

Rezension: Daniela Hötzel

Bis die Bären tanzen

Bis die Bären tanzen

Michael Hugentobler                                                                                                                                     DTV, 24,00 €, für Erwachsene                                                            

Die Familie Lieber wächst, eng wie ein Doppelknoten, in einem kleinen Dorf in der Schweiz auf. Dazu gehören Vater und Mutter, drei Töchter und ein Sohn. Mit der Rückkehr des Vaters aus dem Ersten Weltkrieg zerbricht diese Ordnung: Gewalt, Alkohol und Überforderung verdrängen die frühere Geborgenheit. Es liegt an der Mutter, die Erziehung und Existenzsicherung zu übernehmen.

Dann löst sich die Verknotung; die Geschwister werden älter und es treibt sie hinaus: raus aus dem belastenden Elternhaus, raus aus dem beengenden Heimatdorf. Sie verhalten sich, wie man es von Heranwachsenden erwarten würde: verletzlich und formbar, aber durchaus auch willensstark und mutig.

So beginnt die Weltreise. Erst folgen wir der ältesten Tochter Anne, einer rebellischen Gestalt, die nach Sydney auswandert. Ihr späteres Eheleben wird Schauplatz von Glück, Entfremdung; insbesondere aber der Frage, wie wir unter erschwerten Bedingungen an unseren Prinzipien festhalten.

Ihre Schwester Isabelle hängt an ihrer Jugendliebe fest und hat Schwierigkeiten, ins Leben hineinzufinden. Irgendwann wagt sie es doch und zieht samt Ehemann als Siedlerin nach Südbrasilien. Dort wird sie konfrontiert mit einer herausfordernden Wohnsituation und muss lernen, in der Fremde unter Fremden klarzukommen.

Zuletzt begleiten wir Jacob, der als Kunstturner erst in einem Zirkus Fuß fasst und später nach Berlin zieht. Er bleibt vom Nazi-Regime nicht unberührt.

Der dritten Schwester, Elfie, ist kein eigenes Kapitel gewidmet, denn sie wandert als Einzige nicht aus. Früh an Tuberkulose erkrankt, findet sie ihre große Liebe in einem Patienten im Sanatorium.

Ein halbes Jahrhundert vergeht und bringt die nachfolgende Generation mit sich: Die erwachsen gewordenen Kinder der Liebers finden zueinander. Das Ende als Neuanfang.

Ein wahrer Balanceakt gelingt Hugentobler in diesem Roman. Hochpolitische Ereignisse wie Kapitalismus und Klassengesellschaft, Schweizer Kolonialismus, das Leben und Leiden in Kriegszeiten werden verpackt in Lebenswegen, die unter die Haut gehen. Kurz: Geschichte wird erlebbar.

Besonders die vielen weiblichen Perspektiven haben mich erfrischt. Autonomiebestrebungen und Freiheitsträume im 20. Jahrhundert anhand von Frauenschicksalen darzulegen, ist kein leichtes Vorhaben. Doch Hugentobler wagt es und verleiht somit oftmals übersehenen und vergessenen Gestalten eine Stimme.

Zentral sind ebenfalls die Beziehungen der Protagonisten zueinander: reich an Ärgernisse, Intimitäten, Auseinanderleben und Annäherung. Was alle wissen, aber nur wenige gut artikulieren können: Familie ist kompliziert.

„Bis die Bären tanzen“ ist vielschichtig und doch sprachlich leichtfüßig. Eine Wucht und doch bescheiden. Und vor allem eine Erinnerung daran, dass Geschichte sich aus abertausenden Geschichten zusammensetzt.

Rezension: Matilda Stölting

Rezensionen Herbst 2025

Das Haus mit der kleinen roten Tür

Das Haus mit der kleinen roten Tür

Grace Easton. Aus dem Englischen übersetzt von Stephanie Menge                                          Fischer Sauerländer. 19,90 Euro. Ab 4 Jahren                                                                       

Mit ihrem ersten Buch schenkt uns die Londoner Autorin und Illustratorin Grace Easton eine wunderschöne Winter- und Freundschaftsgeschichte: Olivia wohnt in einem Haus mit einer kleinen roten Tür. Maus wohnt im Garten, in einem großen alten Baum. Beide sind ein bisschen einsam und freuen sich über die Gesellschaft der anderen. Sie entdecken gemeinsam die Freuden des Winters – bis der alte Baum unter der Schneelast zusammenbricht und Maus ihr Zuhause verliert. Olivia versucht für ihre kleine Freundin eine neue Wohnung zu finden: Vielleicht in der Teekanne? In der Kuckucksuhr? Oder in einem Käselaib? Nichts will richtig passen, aber am Ende finden die beiden doch noch eine Lösung …

Ein traumhaft schön illustriertes Bilderbuch, mit dem man in die Welt von Olivia und Maus eintauchen kann. Hinter jeder Klappe gibt es etwas zu entdecken, die detailreichen Bilder laden zum Schauen, Suchen und Schmunzeln ein. Perfekt geeignet, um sich mit Kakao und Tee auf dem Sofa einzukuscheln.

Rezension: Malu Schrader

Das Haus am Park

Das Haus am Park                                                                    Judith Kerr und ihr Leben in London

Thomas Harding (Text), Britte Teckentrup (Illustration)                                                                    Aus dem Engischen von Nicola T., Jacoby & Stuart Verlag, 22,00 €, ab 8 Jahren

Ein Haus kann mehr erinnern als man denkt.
In „ Das Haus am Park " wird ein Gebäude in London zum Erzähler seiner eigenen Vergangenheit. Es berichtet davon, wer in seinen Räumen gelebt hat, gelacht hat, Abschied nehmen musste und neu begonnen hat. Über Jahrzehnte hinweg begleitet es die Bewohnerin Judith Kerr- ein Mädchen, das mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten in Deutschland fliehen musste und später als Kinderbuchautorin weltbekannt wurde. Sie schrieb unter anderem den Kinderbuchklassiker „ Als Hitler das rosa Kaninchen stahl ".
Das Haus beobachtet ihren Weg vom unsicheren Neuanfang bis zu einem Leben voller
Kreativität und Geschichten. Mit jedem Umzug, mit jedem Umbau und jeder Veränderung wächst auch die Idee von Zuhause. Es ist nicht nur ein Ort, sondern ein Gefühl von Sicherheit und Ankommen.

Britta Teckentrups atmosphärische Bilder machen diese Reise sichtbar.
Warm, ruhig und voller kleiner Details, die man immer wieder neu entdecken kann.

Für wen eignet sich das Buch ?
Für Familien, für Kinder ab 8 Jahren und für alle, die Bilderbücher lieben, die mehr erzählen als eine einfache Geschichte.
Dieses Buch lädt dazu ein über Heimat, Erinnerung und den Wert eines Ortes ins Gespräch zu kommen.

Dieser Titel ist Teil einer Reihe, in der jedes Buch die Geschichte eines Hauses erzählt
( Sommerhaus am See, Das alte Haus an der Gracht, Das alte Haus auf der Farm ).
Häuser werden zu Zeitzeugen. Sie bewahren Erinnerungen, Emotionen und Lebenswege.
Eine ungewöhnliche Perspektive, die Geschichte ganz nah und persönlich macht.
Ein stilles , berührendes Bilderbuch über das Ankommen, Mut und den Wert von Geschichten.
Über die Autor* innen

Thomas Harding
schreibt über historische Themen und Familiengeschichten.
Er findet Wege, große Geschichte durch einzelne Lebenswege greifbar zu machen.

Britta Teckentrup
ist eine preisgekrönte Illustratorin mit unverwechselbaren Stil.
Ihre Bilder sind poetisch, klar und emotional.
Perfekt für ein Buch, das Erinnerungen sichtbar macht.

Rezension: Daniela Hötzel

Das war doch keine Absicht

Das war doch keine Absicht!

Jörg Mühle                                                                                                                                                  Moritz Verlag, ab 4 Jahren, 14,00 €

Sich zu entschuldigen, fällt nicht immer leicht. Das wissen nicht nur die Kinder, sondern auch die Erwachsenen. Denn bei einer Entschuldigung müsste man sich ja eingestehen, etwas falsch gemacht zu haben. Manche Entschuldigungen sind aber auch nur halbherzig dahingesagte Floskeln, um sich aus einem Konflikt zu entziehen.

Der Frankfurter Kinderbuchillustrator und -autor widmet sich in seinem neuen Bilderbuch „Das war doch keine Absicht“ diesem heiklen Thema Entschuldigungen. In seinen anderen beiden Bilderbüchern über Bär und Wiesel „Zwei für mich, einer für dich“ und „Morgen bestimme ich“ hat Jörg Mühle schon auf sehr humorvolle Art und Weise gezeigt, wie er mit konfliktreichen Themen umgehen kann.

An einem Wintermorgen hat es viel geschneit und Bär und Wiesel gehen nach draußen, um Schnee zu schippen. Der Bär schaufelt dem Wiesel im Eifer des Gefechts eine volle Ladung Schnee ins Gesicht. Das Wiesel regt sich furchtbar auf und besteht auf einer Entschuldigung. Der Bär zeigt jedoch keine Einsicht, denn schließlich sei das ja keine Absicht gewesen. Um dem Bären zu zeigen, wie das mit dem Entschuldigen geht, tritt das Wiesel dem Bären kräftig in den Hintern und entschuldigt sich danach. Der Bär ist gleich voll bei der Sache und gibt dem Wiesel einen kräftigen Schubs. „Entschuldigen macht sogar Spaß“ findet er. Daraufhin beginnt eine wilde Schneeballschlacht und Schneebälle und Entschuldigungsrufe fliegen hin und her. „Ihr spinnt doch!“ findet der Fuchs, der die beiden beobachtet. Hier sind sie sich jedoch einig. So etwas darf man nicht sagen und der Fuchs muss sich entschuldigen.

Beim Lesen dieses wunderbaren Bilderbuches haben nicht nur kleine, sondern auch große Leser viel Freude. Pointiert und unglaublich humorvoll erzählt Jörg Mühle von einer kleinen Auseinandersetzung vor winterlicher Kulisse und lässt die Leser mitfiebern und mitlachen. Die Themen in seinen Bilderbüchern sind sehr nah an der kindlichen Lebensrealität und haben ein großes Identifikationspotential. Seine genialen und witzigen Illustrationen sind perfekt auf den Text abgestimmt. Dieses besonderen Lesevergnügen sollten Sie sich nicht entgehen lassen!

Rezension: Grischa Götz

Hilda Hasenherz

Jetzt fang ich dich!

Camilla Pintonato, aus dem Italienischen von Markus Weber                                                              Moritz Verlag, ab 4 Jahren, 15,00 €

Dieses wunderbare Bilderbuch erzählt von den ersten abenteuerlichen Schritten eines kleinen Löwen ins selbständige Leben. Dazu gehört das erste Fangen einer Gazelle, was sich allerdings als nicht so einfach erweist, wie er es sich vorstellt. Diverse kreative, unglaublich komische Versuche startet der kleine Löwe um die gewitzte Gazelle in seine Fänge zu bekommen. Leider eher Fehlversuche. Es entspinnen sich witzige Situationen zwischen Fangen und Gefangen werden mit einem verblüffenden, durchaus hintergründigen Ende. Die hinreißenden plakativen Illustrationen unterstreichen die vielen Episoden der Fangversuche kongenial. Unbedingt vorlesen!

Rezension Ulrike Boessneck-Voigt

Barbaras Rhabarberbar

In Barbaras Rhabarberbar wird niemals der                  Rhabarber rar

Bodo Wartke. Illustrationen von Alexandra Junge                                                                              Carlsen Verlag, 15,00 €, ab 6 Jahren

So, sag fünfmal schnell hintereinander: „Fischers Fritz fischt frische Fische“

Wer kennt Sie nicht die Zungenbrecher. Aber was macht denn der Fischer nach dem Fangen mit den frischen Fischen?                                                                                                                              Habt ihr euch schon mal gefragt, warum Schnecken sich nicht gerne lecken oder wie eigentlich Blaukrautflecken wieder aus Brautkleidern rausgehen? Nicht nur einen Satz, sondern ganze kleine Geschichten schreibt Bodo Wartke in seinem Buch und beantwortet so manche Fragen, die wir uns vielleicht mal gestellt haben. Von Bürstenborsten über Floßflussfahrerfrust bis zum Cottbuser Podcaster ist alles mit dabei.

Das Buch beinhaltet 25 einzelne unabhängige Geschichten. Und wie könnte es bei dem Musikkaberettist und Sprachakrobat anders sein, sind alle ein einziger Zungenbrecher.                  In bis zu 3 Seiten langen Geschichten werden auf amüsante und fantasievolle Art alltägliche Dinge von Menschen und Tieren erzählt.

Von Alexandra Junge illustriert unterstreichen liebevolle und lustige Zeichnung die Zungenbrecher. Dadurch lädt das Buch spielerisch ein, sich gemeinsam oder auch allein mal selbst am Vorlesen zu probieren und Zungenbrecher-Sprech zu üben. Die Kombination aus Text und Bild eignet sich perfekt zum entspannten Durchblättern, so dass auch nicht Leser*innen ihren Spaß haben können. Vor allem wenn die Texte mit mehr oder weniger Erfolg einfach vorgelesen werden.                                                                                                                                        Und falls es doch mal zu anstrengend wird, könnt ihr euch über den QR-Code am Anfang des Buches, alles auch einfach von Bodo persönlich Vorlesen zu lassen.

Rezension: Marie Günther

Mika Mysteries

Mika Mysteries. Der Ruf des Nachtraben

Johan Rundberg. Aus dem Schwedischen übersetzt von Franziska Hüther                              Magellan Verlag, 17,00 €, ab 10 Jahren

Winter in Stockholm, 1880:
Mika ist 13 Jahre alt und ein kluges, wortgewandtes und gewitztes Waisenmädchen.
Eines Tages wird sie in die Ermittlungen eines geheimnisvollen Mordfalls verwickelt.
Denn nicht nur der Stockholmer Winter ist kalt und schonungslos, sondern auch die
kapitalistische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts in der sich Mika bewegt. Sie ist täglich
Gefahren ausgesetzt und ständig auf der Hut. Dies kommt ihr nun zugute: Ihre
Beobachtungsgabe stellt selbst die der erfahrenen Polizisten in den Schatten.
Ohne Scheu das Elend der Armut, des Hungers und der Machtlosigkeit zu beschreiben,
erzählt Mikas Abenteuer gleichzeitig von Gerechtigkeit, Menschlichkeit und dem Willen
Geheimnisse zu lüften. Mika nimmt uns mit auf eine Reise durch ihr Unterbewusstsein
von den kleinsten Details bis hin zur großen Erkenntnis. Wir sind eingeladen mitzuraten,
denn alles kann ein Hinweis sein!
Im Auftakt von Johan Rudbergs Mika Mysteries finden Krähen, Nachtraben, Ratten und
ein dunkler Engel ihren Platz. Die mystische Erzählweise ist packend wie ein eisiger
Schneesturm und hinterlässt ein feines Frösteln. Für alle die sich trauen der Wahrheit in
die Augen zu sehen und Lust haben durch die nächtlichen Straßen Stockholms zu
streifen. Da Mika noch längst nicht alle Geheimnisse enthüllt, wächst die Vorfreude die Vorfreude umso mehr.

Rezension: Marla Schroer

Der Jahrmarkt der Zeitreisenden

Der Jahrmarkt der Zeitreisenden. Der gestohlene Kristall

Lena Hach, Beltz und Gelberg Verlag, 16,00 €, ab 11 Jahren

Livs Familie tourt seit Generationen mit einem wunderschönen nostalgischen Karussell von einem Jahrmarkt zum nächsten. In dieser trubeligen Welt aus grellen Lichtern, buten Fahrgeschäften und Süßigkeiten fühlt sich Liv zu Hause. Neben den vielen Orts- und Schulwechseln sind die Zwillinge vom Riesenrad, mit denen sie befreundet ist, eine wichtige Konstante in ihrem Leben. Doch eines Tages wird der Kristall aus dem Familienkarussell gestohlen und es funktioniert plötzlich nicht mehr. Für Liv ist klar, dass sie diesen Kristall unbedingt zurückholen muss, denn von ihm hängt das Wohlergehen der ganzen Familie ab. Auf ihrer Suche begegnet sie immer wieder einem altmodisch gekleideten Jungen, der im „Tunnel of Love“ aus Wagen Nr. 8 auftaucht und verschwindet. Sie verdächtigt ihn und fühlt sich gleichzeitig zu ihm hingezogen. Als sie ihm folgt, macht sie eine unglaubliche Entdeckung.

In dieser spannenden und fantasievollen Geschichte tauchen wir als Leser*innen ein in eine bunte Welt voller Magie und turbulenter Ereignisse. Neben der wilden Jagd nach dem Kristall und der Zeitreise in die Vergangenheit geht es aber auch um eine Freundschaftsgeschichte mit Höhen und Tiefen und um das erste Verliebtsein. Diese Mischung aus Spannung, Magie und Tiefgang ist sehr gelungen. Zudem bekommen wir Einblicke in das Leben einer Jahrmarktsfamilie, die mit Vorurteilen ihrer Außenwelt zu kämpfen hat. Hier räumt Lena Hach gründlich auf mit Klischees und entkräftet diese.

Rezension: Grischa Götz

Das flasche Leben

Das falsche Leben

Maja Nielsen                                                                                                                                                    Gerstenberg Verlag, 15,00 Euro, ab 14 Jahren

Stell dir vor, du wächst in einer ganz normalen westdeutschen Familie auf. Schule, Freunde, Fußball- nichts Außergewöhnliches.
Und dann bricht innerhalb kürzester Zeit alles auseinander: der Vater ist nicht nur ein ganz normaler Vater, sondern ein Spion der DDR. Das normale Leben war Tarnung…

In „Das falsche Leben" erzählt Maja Nielsen die wahre Geschichte einer Familie, die in der Bundesrepublik lebte, während der Vater im Auftrag der DDR Informationen sammelte.
Als die Entdeckung droht, trifft er eine Entscheidung, die das Leben aller zerstört.
Er bringt Frau und Kinder zurück in die DDR, er tut so, als wäre der Großvater auf Usedom erkrankt.
Was folgt ist kein Neuanfang, sondern ein Eingesperrtsein in einem System, das die Kontrolle über alles hat: Bewegungsfreiheit, Entscheidungen, sogar Gedanken.

Der Sohn Thomas versucht auszubrechen. Doch die Flucht scheitert. Er landet in Haft, erst in Untersuchungshaft, später im berüchtigtem Gefängnis in Bautzen.
Maja Nielsen lässt uns sehr dicht an seinen Erlebnissen teilhaben. Angst, Orientierungslosigkeit, die brutale Kälte des Systems.
Was das Buch so eindringlich macht: die Geschichte wird nicht aus der sicheren Distanz erzählt, sondern aus der Perspektive eines Jugendlichen, der versucht zu verstehen, wie seine Eltern Teil eines Apparates sein konnten, der ihn selbst wegsperrt.

Das Buch beruht auf einer wahren Geschichte, die Maja Nielsen packend erzählt.
Die Autorin schreibt Sach- und Jugendbücher, in denen echte Lebensgeschichten im Mittelpunkt stehen. Sie recherchiert akribisch, spricht mit Zeitzeug* innen und verwandelt Fakten in lesbare, mitreißende Geschichten.

Rezension: Daniela Hötzel

Das Haus am Park

Schau genau hin! Das außergweöhnliche Handbuch der Beobachtologie

Giselle Clarkson, aus dem Englischen von Katharina Diestelmeier

Moritz Verlag, ab 8 Jahren, 22,00 €

Ein Abschluss in Beobachtologie ist gar nicht so schwer. Vor allem mit dem neuen Buch der Autorin und Illustratorin Giselle Clarkson.                                                                                                  In diesem Naturführer werden viele der schönen Lebewesen behandelt, die wir durch ein wenig aufmerksames Hinschauen überall in unserem Alltag entdecken, beobachten und bewundern können. Von kleinen Krabblern über furiose Flechten, bis zu fabelhaften Fliegern behandelt die Comiczeichnerin diverse Reiche und Stämme.

Aufgeteilt ist das Buch nach den Orten, wo es sich lohnt, mal genau hinzuschauen. Und in kurzen Kapiteln werden Klassen, Ordnungen und Gattungen genauer unter die Lupe genommen. Zudem finden sich in allen Kapiteln hilfreiche Tipps und Tricks zum Beobachten, An- und Weglocken, Helfen oder Dokumentieren.

Humor- und liebevoll gezeichnete Abbildungen begleiten und veranschaulichen alle Erklärungen. Die Illustrationen von Menschen, Tieren, Pflanzen und Pilzen sind dabei divers und realistisch gestaltet und laden so zum einfachen und entspannten Betrachten ein.

Eine geschickte Kombination aus Informationen und Fachbegriffen, unterstützt von kleinen Sprechblasen, mit Konversationen und Kommentaren sorgen für ein interessantes und lustiges Leseerlebnis. Damit ist das Buch perfekt für alle Entdecker*innen ab 8 Jahren.

Am Ende des Buchs wisst ihr nicht nur wie ihr Fliegen am besten aus dem Haus lotst oder einem Falter auf nette Art zeigt, dass ihr lieber allein duschen möchtet, sondern seid vielleicht auch Expert*innen in Taxonomie. Außerdem wartet zum Schluss noch die ein oder andere Überraschung auf alle Leser*innen.

Und natürlich gilt: „Schaut auch beim Lesen genau hin ;)“

Rezension: Marie Günther

Das Haus am Park

Autobiographie meines Körpers

Lize Spit. Aus dem Niederländischen übersetzt von Helga van Beuningen. S. Fischer. 26 Euro. Für Erwachsene.

»In den Sekunden nach dieser Mail muss Folgendes geschehen: Die gepunktete Linie muss festgelegt werden. Ich bin keine Tochter, die eine Mail liest, ich bin die Schriftstellerin, die die Tochter dabei beobachtet, wie sie die Mail liest.« Die Autorin Lize Spit und ihre Geschwister erhalten Ende 2021 eine Mail von ihrer Mutter, in der sie ihnen mitteilt, dass sie – wahrscheinlich unheilbar – an Krebs erkrankt sei, und dass sie sich darüberhinaus von ihrem Vater scheiden lassen werde. Was beinahe grotesk beiläufig erscheint, verbirgt in Wahrheit viel Schmerz. In ihrem vierten, sehr persönlichen Buch erzählt Lize Spit von ihrer Kindheit mit einer alkoholkranken Mutter und einem unberechenbaren Vater, von Sprachlosigkeit und Einsamkeit innerhalb der Familie und davon, wie sich all das in den Körper einschreibt. Jetzt, wo ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt, versucht sie noch einmal in Verbindung mit der Mutter zu treten, Nähe zuzulassen. Abschied zu nehmen. Literarisch verdichtet reflektiert die belgische Autorin, was all das für ihr eigenes Leben bedeutet. Als Autorin und als Tochter. Ein schmerzliches und zugleich auch tröstliches Buch über das Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familie, über Sehnsüchte und Trauer, starke Geschwisterbindungen und die Beziehung zum eigenen Körper. Und wie Lize Spit das erzählt: sachlich, lakonisch, voller einprägsamer Bilder, hin und wieder mit leisem Humor. Ein beeindruckende Lektüre voller Sätze, die in Kopf und Herz bleiben.

Rezension: Malu Schrader