Büchertipps

Hier finden Sie einige unserer aktuellen Lieblingstitel, die wir Ihnen gerne empfehlen möchten:

Eselsohrtipp > Kinderkalender 2023
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Der Kinder Kalender 2023

Mit 53 Gedichten und Bildern aus der ganzen Welt. Herausgegeben von der internationalen Jugendbibliothek, Moritz Verlag, 22,00 €

Wie das Leben so spielt: Ein Pinguin vom Südpol möchte seine Tante besuchen, die wohnt offensichtlich gerade im Kühlschrank zweier kleiner Mädchen (persisch). Ein kleiner Drache, beschwert sich bei seiner Mutter über sein Mahl. Er wolle den Ritter (Sir Gustav) lieber ohne Rüstung verspeisen: „Denn ohne Kruste schmeckt‘s besser.“ (englisch). Ein Kind berichtet von einem Hirsch, der ganz selbstverständlich an manchen Tagen zu Besuch ins Haus kommt. Es sei sein Opa (spanisch).

Egal, von welchem Szenario hier erzählt wird, immer handelt es sich um ein Gedicht. Mal gereimt, mal ungereimt, mal voller Witz in dem Geschehen, mal voller Sprachwitz, mal nachdenklich, mal voller Lebenslust – oder eben keine Lust auf das geforderte Alltagsleben, sondern lieber einen Tag auf dem Sofa. Das besondere am Kinderkalender liegt an der großen sprachlichen Vielfalt und seiner exzellenten Gestaltung (Max Bartholl). Der Wochenkalender präsentiert 53 illustrierte Gedichte, jedes in der Originalsprache und in der deutschen Übersetzung abgedruckt. Betrachter*innen, Leser*innen und Zuhörer*innen können so über das Jahr verteilt mit 31 verschiedenen Sprachen aus 34 Ländern in Berührung kommen, über ihren Klang staunen, ihn nachsprechen oder auch über Schriftbilder sinnieren. Und eine Augenweide ist der Kalender ohnehin. 53 unterschiedliche Illustrator*innen bebildern die Kürzestgeschichten, Momentaufnahmen und Gedanken in ganz unterschiedlichen Illustrationsstilen. Jede Seite ist ein GEDICHT. Für jedes Alter. Ganz besonders aber für ältere KITA und Grundschulkinder. Mit diesen kleinen Texten lässt sich übrigens auch wunderbar lesen lernen.                                                                                                                                                          Anna Winkler-Benders

Tom Gauld: Der kleine Holzroboter und die Baumstumpfprinzessin

Der kleine Holzroboter und die Baumstumpfprinzessin

Tom Gauld
Moritz Verlag , ab 4 Jahren, 18,00 €

Ein Königspaar wünscht sich nichts Sehnlicheres als ein Kind und nachdem sein Wunsch lange Zeit unerfüllt bleibt, wendet sich der Vater vertrauensvoll an eine Erfinderin und die Mutter an eine Hexe. Während die Erfinderin einen Holzroboter kreiert, zaubert die Hexe eine Baumstumpfprinzessin, die sich jede Nacht in einen Holzklotz zurück verwandelt. Die vier leben glücklich zusammen und der Bruder weckt jeden Morgen den Prinzessinenholzklotz mit einem Zauberspruch, um ihn in die geliebte Schwester zurückzuverwandeln. Doch eines Tages nimmt das Schicksal seinen Lauf. Eine Zofe findet im Prinzessinenbett den Holzklotz und wirft ihn aus dem Fenster. Als der Bruder das Verschwinden der Schwester bemerkt, macht er sich auf die Suche nach ihr und eine abenteuerliche Reise beginnt. Durch Zusammenhalt und gegenseitige Hilfe schaffen sie es schließlich fast bis nach Hause. Eine Käferfamilie im Getriebe des Holzroboters vereint schließlich die Familie.

Die Geschichte erinnert an ein Märchen, zugleich ist es aber auch eine Abenteuergeschichte, deren zentrale Themen Geschwisterliebe und Zusammhalt im Vordergrund stehen. Die originellen Illustrationen des schottischen Illustrators und Cartoonists Tom Gauld verleihen der Geschichte einen feinen Humor, der einen auch bei spannenden Stellen schmunzeln lässt. Die  Bildtafeln auf einigen Seiten erinnern an Comic stripes.

Illustrator Tom Gauld ist in England und Amerika bekannt durch seine Cartoons in The Guardian und New York Times und hat viele bedeutende Preise erhalten. Am 22. Oktober 2022 signiert er um 11.00 Uhr bei uns im Eselsohr.                                                                                                               

Grischa Götz

Mariajo Ilustrajo: Nur ein bisschen Wasser

Nur ein bisschen Wasser

Mariajo Ilustrajo
Beltz Verlag, ab 3 Jahren, 15,00 €

Eines Morgens erwachten die Tiere der Stadt und wunderten sich. Auf einmal war alles voller Wasser. Was können die Tiere da denn machen ? Erst mal abwarten. Es ist ja noch gar nicht so schlimm und eigentlich auch ganz interessant. Doch von Zeit zu Zeit wird das Wasser immer mehr zum Problem. Es werden Schnorchel gekauft und Demonstrationen veranstaltet, doch keiner weiß genau was gemacht werden muss. Oder ? Ein kleines unscheinbares Wesen weiß es schon die ganze Zeit, nur achtet leider keiner darauf. Ob das kleine Wesen es doch noch schafft den Tieren die Lösung zu verraten? Mariajo Ilustrajo beschreibt in Ihrem Bilderbuch auf schöne und amüsante Weise, was zu tun ist, wenn ein Problem auftaucht. Es ist ein Geschichte über die kleinen unscheinbaren Wesen, die sich Gehöhr verschaffen möchten. Mit tollen Zeichnungen und wenigen Worten beschreibt Sie die Unterschiede der verschiedenen Tiere, die alle mit der Situation zurecht kommen müssen und zeigt worauf es am Ende am meisten ankommt. Zusammenhalt. Wer die Autorin noch persönlich beim Zeichnen beobachten möchte, kann am 20.10.22 ins Eselsohr kommen, wo Mariajo Ilustrajo im Rahmen der Buchmesse ein Fenster bemalen wird.

Marie Günther

Konrad Kröterich und die Suche nach der allerschönsten Umarmung

Konrad Kröterich und die Suche nach der allerschönsten Umarmung

Oren Lavie und Anke Kuhl
Sauerländer Verlag, ab 4 Jahren, 16,00 €

Im Leben von Konrad Kröterich von Keks ist alles ganz normal. Bis er eines Nachts einen besonderen Traum hat. Es war ein Traum von der allerschönsten Umarmung. Konrad fackelt nicht lange und macht sich auf die Suche nach der allerschönsten Umarmung. Er sucht und sucht doch er findet sie einfach nicht. Egal ob bei seiner guten Freundin Giraffe Georgette oder Fremden, irgendwas stimmt immer nicht. Doch Aufgeben kommt für Konrad Kröterich nicht in Frage. Mit einer Anzeige in der Zeitung setzt er alle Hebel in Bewegung. Aber ob das am Ende reichen wird ? Oren Lavie erzählt die Geschichte eines etwas eingebildeten und zielstrebigen Kröterich, der seinen Traum verwirklichen möchte und auf seinem Weg nicht nur die allerschönste Umarmung findet, sondern auch ein paar wichtige Sachen lernt. In Kombination mit den herausragenden Zeichnungen von Anke Kuhl, ist das Buch eine schöne und lustige Geschichte zum entspannenden Lesen für alle Kinder im Kindergartenalte.

Marie Günther

Stefanie Taschinski: Der geniale Herr Kreideweiß

Der geniale Herr Kreideweiß

Stefanie Taschinski
Arena Verlag, ab 8 Jahren, 14,00 €

Lukas Kreideweiß ist eigentlich ein ganz normaler motivierter junger Lehrer, der an der Lilienthal Schule seine erste Klasse übernimmt, die 3d. Als im Unterricht plötzlich die Bücher durch die Klasse fliegen, Medizinbälle beim Sport abheben und Herr Kreideweiß nach einem rasanten Flug mit seinem Fahrrad im liebevoll gepflegten Blumenbeet der Direktorin landet, wird klar, hier geht etwas nicht mit rechten Dingen zu. Matti, Hella, Vince und Emil gehen der Sache auf den Grund, nachdem sie festgestellt haben, dass Plüsch-Schaf Rüdiger, das Klassenmaskottchen, eigentlich ein echtes Schaf ist. Herr Kreideweiß hat das magische Erbe von seinem Onkel Ludwig angetreten, nachdem er auf Schloss Krötenfels das Rennrad Levitatus QX100, Schaf Rüdiger und einen Koffer voller Bücher abgeholt hat. Allerdings hat er weder Zeit noch Lust sich mit diesem Erbe auseinanderzusetzen und so gerät die Magie außer Kontrolle. Stefanie Taschiknskis Geschichte hat mich an die Miss Braiwhistle Bücher von Sabine Ludwig erinnert. Doch während die Lehrerin Miss Braitwhistle ihr Zauber- Handwerk perfekt beherrscht, schlittert Herr Kreideweiß unfreiwillig in die magischen Abenteuer hinein und riskiert damit sogar seinen Job. Er ist tollpatschig, unerfahren und ahnungslos, während das freche Schaf Rüdiger und die vier Kinder längst wissen, was Sache ist und ihn am Ende sogar davor bewahren, von der Schule zu fliegen. Die Geschichte ist spannend und witzig zugleich und hat die nötige Prise an Magie. Sie eignet sich für alle kleinen und großen Zauberfans zum Vorlesen und selber lesen im Grundschulalter.

Anna Woltz: Nächte im Tunnel

Nächte im Tunnel

Anna Woltz
Carlsen Verlag, ab 13/14 Jahren, 16,00 €

London, Zweiter Weltkrieg, September 1940. Drei Jugendliche und ein Kind. Gemeinsam mit zahlreichen anderen suchen sie Schutz in den Tunneln der U-Bahn. Ich-Erzählerin Ella, die zwar gerade eine Polioerkrankung überstanden hat, aber (nicht nur) ein gelähmtes Bein davon zurückbehalten hat. Ihr kleiner Bruder Robbie, abenteuerlustig und noch ganz Kind. Quinn, eigentlich Lady Quintana, die ihrer adligen Herkunft entflohen ist, sie aber dennoch nicht verleugnen kann. Und Jay. Fies, wunderschön und hilfsbereit. Er nutzt die Not seiner Mitmenschen aus und verkauft Schlafplätze in einem noch nicht fertiggestellten Tunnel der U-Bahn. Und noch bevor diese Vier aufeinandertreffen, setzt Woltz den dramatischen Spannungsbogen, lässt mit ihm keinen Zweifel an der Grausamkeit des Krieges. Erster Satz: „Wir sind jetzt zu dritt.“ Zweiter Satz: „Wir waren zu viert, aber einer von uns wird sterben.“ (S. 5)

Die preisgekrönte niederländische Autorin Anna Woltz erzählt hier erstmals eine Geschichte, die in der Vergangenheit spielt. Das Thema ist jedoch leider sehr gegenwärtig, denn natürlich muss man bei der Lektüre sofort an die Menschen denken, die derzeit Schutz in den U-Bahn-Stationen von Kiew suchen. Und: ihre Figuren zwischen großer Wut auf Erwachsene, großen Plänen für die Zukunft, Verunsicherung und Angst, aber auch großer Lust auf ein gegenwärtiges jugendliches Leben, trennt dann nicht so viel von heutigen Jugendlichen. Woltz schafft es die Gefühlslagen sehr präzise einzufangen. Coming-of-Age oder eben wie sich Ella mehr als einmal fragt: „Wer um alles in der Welt bin ich?“ (S. 39).
Anna Winkler-Benders

Cornelia Franz: Swing High. Tanzen gegen den Sturm

Swing High. Tanzen gegen den Sturm

Cornelia Franz
Gerstenberg Verlag, ab 14 Jahren, 16,00 €

Hamburg 1939, der zweite Weltkrieg hat begonnen. Menschen werden rekrutiert, schließen
sich der SS oder HJ an oder gehen in den Widerstand. Aber gibt es noch andere
Möglichkeiten?

Der 16-jährige Henri und seine Freunde wählen einen anderen Weg. Sie versuchen den
Alltag auszublenden. Gehen ins Schwimmbad, ins Kino und auf Partys.

Denn es gibt eine Beschäftigung welche die „Swingheinis“ lieben, die neuste Jazzplatte auf
dem Grammofon hören und „hotten was das Zeug hält“. Ob der Flat Foot Floogie oder der
Tiger Rag, das bedeutet für die Freunde Freiheit.

In ihrem Roman erzählt Cornelia Franz die spannende Geschichte von Jugendlichen, die
sich immer an der Grenze der damaligen Gesetzte bewegen.

Statt in den HJ-Dienst zu gehen tanzen Sie den Lambeth Walk auf der Schlittschuhbahn.

Heimliche Partys und öffentliche Auftritte. Doch bleiben alle bei diesem Leben? Wem kann
ich Vertrauen?

Die rebellischen, mutigen Swings nehmen die Leser*innen mit auf einen spannenden,
packenden Weg mitten während des zweiten Weltkriegs. Also den Flat Foot Floogie
anmachen und anfangen zu lesen.
Marie Günther

Fatma Aydemir: Dschinns

Dschinns

Fatma Aydemir
Hanser Verlag, 24,00 €

Zum Renteneintritt erfüllt sich Hüseyin Yilmaz einen besonderen Wunsch: eine Eigentumswohnung in Istanbul. Dreißig Jahre lang hat er in Deutschland hart gearbeitet, jetzt freut sich der 59-Jährige auf seinen Ruhestand – und erliegt am ersten Tag in der neuen Wohnung einem Herzinfarkt. Seine Frau und die Kinder reisen zur Beerdigung aus Deutschland an. Sehr unterschiedliche Menschen und ihre Sicht auf die Vergangenheit, ihr früheres Zusammenleben, auf Deutschland und die Türkei treffen aufeinander. Fatma Aydemir erzählt aus sechs verschiedenen Perspektiven die Geschichte einer Familie, in der man einander irgendwie verbunden, aber oft auch sehr fremd ist. Mit dem Tod des Vater brechen alte Wunden auf, lange Verschwiegenes wird endlich erzählt, anderes bleibt verborgen. Die Geschichte jeder Figur spricht für sich, gleichzeitig fügt die Autorin sie kunstvoll zu einer schmerzhaft ehrlichen Familiengeschichte und darüberhinaus zu einem Gesellschaftspanorama zusammen. In einem Interview** sagte Fatma Aydemir, es gehe ihr „um eine soziale, politische Frage: Welche Geschichten erzählen wir von uns und welche nicht, um in einer Gemeinschaft akzeptiert zu werden?“ – wie die Autorin dieser Frage in ihrem Roman auf unterschiedlichen Wegen nachspürt, ist großartig zu lesen.

** „5 Fragen an … Fatma Aydemir“ https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/dschinns/978-3-446-26914-9/

Malu Schrader

Edouard Louis: Anleitung ein anderer zu werden

Anleitung ein anderer zu werden

Édouard Louis
Aufbau Verlag, 24,00 €

Aus dem dörflichen, aus einfachen Verhältnissen stammenden Eddy, der aufgrund seiner Homosexualität gemobbt wurde, soll der angesehene, attraktive Intellektuelle Édouard werden. Wie das möglich ist? Das erzählt er uns in seinem autofiktionalen Transformations-»Roman« mit dem Titel »Anleitung ein anderer zu werden.

Der 1992 in Nordfrankreich in einem kleinen Dorf geborene Autor blickt zurück auf eine Kindheit und Jugend voller Entbehrungen und französischer Tristesse. Der Vater Alkoholiker und Rassist, die Mutter Kettenraucherin, der Bruder irgendwann im Gefängnis, das einengende Dorf, das ihm keinen Ausweg aus der Misere bieten kann. Sein Weg scheint vorgezeichnet. Ein Ausbruch aus diesem Leben und die Überwindung der Klasse kaum möglich. Doch ihn treibt ein Motiv besonders an: die Flucht. Zunächst vor seinem Vater, schließlich vor dem Leben im Dorf und damit auch vor den prekären Verhältnissen und seiner Herkunft. Später wird er immer wieder das Gefühl verspüren, vor seinem Leben davonzurennen. Auch, als er bereits einen Abschluss an der Pariser Elite Universität École normale supérieure vorweisen kann und mit namhaften Berühmtheiten der französischen Gesellschaft verkehrt.

Als er die wohlhabende Elena mit ihrem unstillbaren Interesse für Kultur kennenlernt, ist es um ihn geschehen. Er möchte auch dieses Leben führen, am Esstisch über Romane und Gemälde reden, und reich sein. Édouard lernt früh, dass soziale Ungerechtigkeit tief verankert ist im Arbeitermilieu, dem er entstammt. »Ich wuchs in einer Welt auf, die alles ablehnte, was ich war, und ich empfand es als Ungerechtigkeit – das dachte ich immer wieder, hundertmal am Tag, bis zum Erbrechen [...]«

Doch Elena und ihre Familie nehmen ihn auf, lehren ihn Etikette und ermöglichen ihm Teilhabe an einem kulturellen Leben. Später werden es weitere Menschen in seinem Leben sein, die ihm wohlgesinnt begegnen, und ihm ein anderes Leben ermöglichen. Allen voran der berühmte Soziologe und Intellektuelle Didier Eribon, der auch als Bildungsaufsteiger bekannt wurde.

Édouard ist Meister des Extremen: so temporeich und grenzüberschreitend sein Leben ist, sein Stil ist frei von jeglicher Effekthascherei, von jedem Pathos und zeigt einen vollkommen entblößten Menschen, der sich Scham und negative Gefühle zugesteht. Diese so nahbare Prosa, von einem gebrochenen und langsam heilenden Menschen zu lesen, der doch nur das Glück sucht, war unglaublich berührend und ist daher vielleicht das wage mutigste Buch in diesem Jahr. Wie unter dem Brennglas seziert er sein Innenleben, seine Fehler und zeichnet seinen Lebensweg nach, der von unendlicher Traurigkeit geprägt ist. Denn wir erkennen, dass jeder Fluchtversuch nicht nur Rache an seinem Vater und an seinem Milieu, sondern vor allem ein Fliehen vor sich selbst ist. Immer wieder ist er getrieben von neuen Idealen, Vorstellungen und Visionen. Erst das Ausleben seiner Sexualität wird für ihn eine merkliche Distanzierung zu seiner Herkunft und damit der Eintritt ins romantisierte Bürgertum.

Dass die äußerliche Transformation, das Ablegen seines nordfranzösischen Dialekts, das Erlernen eines neuen Gangs und die Namensänderung jedoch nicht den kleinen Eddy von damals auslöschen können, ist selbsterklärend. » [...] vielleicht ist die Vergangenheit aber auch so tief in mir verankert, dass ich nicht anders kann, als von ihr zu erzählen, jederzeit, bei jeder Gelegenheit, vielleicht tue ich in dem Glauben, mich von ihr zu befreien, nichts anderes, als ihre Anwesenheit zu stärken und ihre Macht über mich zu vergrößern, vielleicht sitze ich in der Falle – ich weiß es nicht.« Das eigene Leben so ungeschönt und unverblümt zu erzählen, sich so verletzbar zu präsentieren und seinen Leser*innen dabei eine soghafte Rauscherfahrung auf Papier zu ermöglichen, ist große Kunst.                                                                                        Hervorragend aus dem Französischen übersetzt von Sonja Finck.                                              
Seda Caliskanoglu

Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter

Lügen über meine Mutter

Daniela Dröscher
Kiepenheuer & Witsch Verlag, 24,00 €

In dem für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominierten Roman zeigt Daniela Dröscher das Leben und vor allem die Ehe einer kleinbürgerlichen Familie in einem Dorf in Rheinland-Pfalz, geprägt von den ständigen Auseinandersetzungen der Eltern. Der Vater: ein unsicherer Patriarch voller Minderwertigkeitskomplexe, der nach außen hin die Fassade einer Bilderbuchfamilie aufrechterhält, endlos Geld verprasst, daheim seine Ehefrau zu strengen Diäten und Kuren zwingt und den Leser*innen sein Bild von Weiblichkeit und Schönheit überstülpt. Die Mutter: das Kind schlesiendeutscher Aussiedler*innen, eine sprachlich vorsichtige Figur, die versucht, es allen rechtzumachen, nie irgendwo richtig dazugehört, jedoch in ihren Stärken und Fehlern faszinierend plastisch gezeichnet ist und dabei wunderbar nahbar und liebenswert erscheint. Von manchen Szenen abgesehen.

Erzählt wird aus Sicht der kleinen Ela, die oftmals zwischen den Stühlen steht und ihre Eltern gleichermaßen liebt sowie einer gegenwärtigen Ela, bereits viel älter, die versucht, die Geschehnisse in sachlicher soziologischer Reflexion einzuordnen.

Dieser Roman versucht, sich mittels literarischer Figuren einen Weg zur Wahrheit und um sie herum zu bahnen, dabei steht die Autorin dieses Werks als Schutzschild zwischen den Figuren und lässt etwas Hybrides entstehen, Autofiktion trifft, wie bereits erwähnt, soziologische Analyse. Das ist aber dermaßen süffig und einnehmend geschrieben, dass der Roman in kürzester Zeit ausgelesen ist und man große Wehmut verspürt, Abschied nehmen zu müssen von den Figuren. Die junge Ela schafft es, Szenen mit ihren kindlichen Augen auszuleuchten, ihre Eltern mit liebevollem Blick zu beschreiben und dorthin zu blicken, wo sich ältere Augen selten hin verirren. Somit zwingt sie die Lesenden, ihre eigene Rolle und die der erzählenden Figur jeweils als Beobachter*in zu hinterfragen. Schließlich wird auch die junge Ela früh mit dem Gefühl der Scham vertraut, allerdings nicht in Bezug auf ihren eigenen Körper, sondern den ihrer Mutter. Das Gewicht und der Blick auf den Körper der Mutter wird zu einem exemplarischen Scheitern einer Gesellschaft, die Männern noch immer Macht über Frauen zugesteht.

Für Leser*innen von Annie Ernaux und Édouard Louis.                                                                    

Seda Caliskanoglu